Zeitgeschichtliche Veranstaltungsreihe | Aktuelle Nachrichten und Informationen

Sigmar Gabriel: „Amerika ist mehr als seine jeweilige Regierung.“

Zeitgeschichtliche Veranstaltungsreihe

Klare Aussagen, Positionen, die über das Heute hinausgehen und einen Blick für die wirklichen Probleme der Menschen, das vermissen gegenwärtig viele in der Politik. Dass es auch anders geht, bewies Sigmar Gabriel am 8. September 2026 vor fast 300 interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern im Neustädter Kultur- und Bürgerzentrum.

Auf Einladung von Bürgermeister Thomas Groll war der ehemalige Spitzenpolitiker zu Gast bei der zeitgeschichtlichen Veranstaltungsreihe der Kommune. Gabriel war einst Landtagsabgeordneter und Ministerpräsident von Niedersachsen, Bundestagsabgeordneter, Bundesumwelt-, später auch Wirtschafts- und Außenminister unseres Landes sowie Vize-Kanzler. Von 2009 bis 2017 war er Vorsitzender der deutschen Sozialdemokraten, solange wie keiner nach Willy Brandt. Dreißig Jahre war der Goslaer auf Landes- und Bundesebene aktiv. Heute ist Sigmar Gabriel Publizist, Honorarprofessor der Universität Bonn und Vorsitzender der Atlantikbrücke, eines Vereins, der sich um die stetige Verbesserung der Beziehungen zwischen Deutschland, den USA und Kanada kümmert.

Das Thema des mit großem Beifall aufgenommenen Vortrages von Sigmar Gabriel lautete „Die USA und Deutschland – eine Beziehung im Wandel“. Für die gekonnte musikalische Umrahmung sorgte wieder das Trio „Semplice“ & Friends.

In seinen einleitenden Worten hatte Bürgermeister Thomas Groll auf die Bedeutung der deutsch-amerikanischen Beziehungen seit 1949 hingewiesen und hervorgehoben, dass diese gegenwärtig an einem Wendepunkt stünden, da die Regierung Trump kaum Interesse an einem engen Miteinander habe.

Ausgangspunkt der Betrachtungen des ehemaligen Bundesaußenministers waren die Geschehnisse vom 9. September 2001, als islamistische Terroristen zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers steuerten und 3.000 Menschen den Tod fanden.

Dies, so Gabriel, sei ein Angriff auf die Idee der Freiheit und den gesamten Westen gewesen. Erstmals sind die USA auf ihrem Territorium angegriffen worden. In der Folge hätte Deutschland, das seine Wiedervereinigung entscheidend den Vereinigten Staaten zu verdanken habe, eng an der Seite der Amerikaner gestanden. Den Krieg in Afghanistan hätte die Regierung Schröder-Fischer mitgetragen, den Krieg gegen den Irak 2003 hingegen nicht. Damals sei es erstmals zu einem Bruch des Miteinanders gekommen. Die USA hätten sich in jener Zeit verändert und Freiheitsrechte hinter Sicherheitsaspekte zurückgestellt. Von Europa hätte Bush Junior, anders als sein Vater, Gefolgschaft statt Partnerschaft verlangt.

Unter Präsident Obama hätte sich das Miteinander wieder erkennbar verbessert, auch wenn es die Abhör-Affäre gegenüber Kanzlerin Merkel gegeben hätte. Sein „Yes, we can“ stehe im eklatanten Gegensatz zum „America first“ seines Nachfolgers Donald Trump. Nach dem Intermezzo von Joe Biden regiere dieser nun wieder die USA. Unter Trump verstehe sich die USA nicht mehr als „Weltpolizist“, sondern blicke nur auf sich selbst und seine Interessen. Europa spiele hier kaum noch eine Rolle, der Blick sei auf China, den wirtschaftlichen Rivalen Nr. 1, ausgerichtet.

Sigmar Gabriel stellte fest, dass diese Veränderung im amerikanischen Selbstverständnis die Welt in Unordnung versetzt habe. Europa und damit auch Deutschland müssten mit dieser Veränderung umgehen. Die EU sollte sich auf ihre Stärke besinnen und selbst agieren. Auf die USA könne man sich leider nicht mehr verlassen. Gleichwohl müsse man den Kontakt halten, um möglichst Verbesserungen zu erreichen – mögen sie auch noch so klein sein.

Die USA seien innenpolitisch zerrissen und man dürfe gespannt sein, wie es nach Donald Trump 2028 weitergehe. Eine solche Spaltung sah der einst führende Sozialdemokrat im Übrigen auch in Deutschland.

Mit Blick auf die Ukraine vertrat er die Position, dass Europa hier standhalten müsse, notfalls auch ohne die USA. „In der Ukraine wird letztlich auch unsere Freiheit verteidigt. Wenn Putin siegt, hört er nicht auf, sondern macht weiter“, so Gabriels Fazit.

Im Anschluss an seinen Vortrag bat der ehemalige Vize-Kanzler aufgrund einer kürzlichen Knie-OP um einen Stuhl und nahm sich über 30 Minuten Zeit, um Fragen zu seinen Ausführungen und der Tagespolitik zu beantworten. Bisher ein Novum bei der zeitgeschichtlichen Veranstaltungsreihe. In Erinnerung werden wohl die Schlussworte Sigmar Gabriels bleiben: „Ich wünsche mir für die Zukunft ein fröhliches Deutschland, dass um seine Stärke weiß.“