12 Steine für die Familie Levi | Aktuelle Nachrichten und Informationen

Zweite Stolpersteinverlegung am 17. März 2026 in Neustadt (Hessen)

12 Steine für die Familie Levi

Um 14:30 Uhr hatten sich an die 100 Menschen in der Bahnhofstraße vor dem Haus Nummer 6 zusammengefunden, um an der Zeremonie zur Verlegung der Stolpersteine für die dort ehemals ansässige Familie Levi teilzunehmen. Darunter befand sich auch die Urenkelin von Moritz Levi, Frau Tova Taylor (geborene Levi), die an diesem Tag eigens aus London angereist war. Wegen der erforderlichen Straßensperrung waren die Beiträge an dieser Stelle bewusst kurzgehalten, doch es ging vielen Anwesenden unter die Haut, als die Schülerinnen und Schüler der Martin-von-Tours-Schule in der Ich-Form die ehemaligen Bewohner und Bewohnerinnen des Hauses vorstellten. Sie nannten deren Namen sowie die jeweiligen Lebensdaten und Schicksale und zeigten die dazugehörigen Portraits. Es ist der Nachfahrin Frau Taylor zu verdanken, dass fast alle Angehörige der Familie Levi ein Gesicht bekamen, denn sie beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit der Geschichte ihrer Familie. Sie hat aus vielen Quellen Informationen zu ihren Angehörigen zusammengetragen und diese mit der Schulprojektgruppe und der Stadtarchivarin geteilt.

Nach der Verlegung der Stolpersteine durch den persönlich anwesenden Künstler und Initiator des Stolperstein-Projekts, Gunter Demnig, wurden Blumen niedergelegt und Kerzen vor den Portraits der Levis angezündet. Thorsten Schmermund von der jüdischen Gemeinde Marburg trug im Anschluss ein Gebet vor.

Wie bereits bei der ersten Stolpersteinverlegung begleiteten die Neustädter Karl-Josef Lemmer und Thomas Faber die gesamte Veranstaltung auch dieses Mal wieder auf einfühlsame Weise mit ihren musikalischen Beiträgen.

Die zweite Verlegung an diesem Tag fand in der Bogenstraße/Ecke Marktstraße vor dem früheren Haus Nummer 1 statt. Es handelte sich hierbei um den ehemaligen Sitz der Firma M. Stern, einer im 19. Jahrhundert gegründeten Handlung für Futter- und Düngemittel, wie die Stadtarchivarin Andrea Freisberg in ihrem Vortrag zur Geschichte der beiden Levi-Häuser berichtete. Später war es eines der sogenannten „Judenhäuser“, in denen die jüdischen Familien ab 1939 zusammengezogen wurden. In einer persönlichen Anmerkung verglich Freisberg ihre Forschungen zu den jüdischen Familien in Neustadt mit dem Aufdecken eines verhüllten Gemäldes. Sie bedankte sich an dieser Stelle bei der Neustädter Bevölkerung für die vielfältige Unterstützung ihrer Arbeit.

Auch in der Bogenstraße stellten die Schülerinnen und Schüler die ehemaligen Bewohner mit Fotos vor. In informativen Vorträgen aus der Projektgruppe der Schule erfuhren die Anwesenden mehr über das Schicksal der Brüder Hermann, Moritz und Sally Levi sowie deren Familien. Dabei berichteten die Schülerinnen und Schüler von ihren eigenen Erfahrungen bei der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und stellten den Bezug zu ihrem Besuch des Konzentrationslagers Buchenwald her.

Es folgten kurze Ansprachen des Ersten Kreisbeigeordneten Klaus Weber und des Bürgermeisters Thomas Groll, die vor dem erneuten Erstarken des Antisemitismus warnten. Weber appellierte an die Zuhörenden: „Wir dürfen nicht zulassen, dass Hetze unser friedliches Zusammenleben zerstört.“

Am Schluss der feierlichen Zeremonie trug Thorsten Schmermund das Gebet El Male Rachamim („Gott, voller Erbarmen“) in Hebräisch und Deutsch vor. Es ist das zentrale jüdische Gebet zum Gedenken an die Opfer der Shoah. In der anschließenden Schweigeminute wirkte das Gehörte und Erlebte bei den Anwesenden nach.

Wie schon im letzten Jahr führte Dieter Trümpert vom Arbeitskreis „Neustadt erinnert“ durch beide Zeremonien. Die engagierten Mitglieder dieses Arbeitskreises organisieren die Stolperstein-Verlegungen und andere Veranstaltungen, beispielsweise im November zum Gedenken an die Pogromnacht oder am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Am selben Abend dieses Tages fand im Neustädter Kultur- und Bürgerzentrum eine weitere Veranstaltung statt. Vor ca. 80 Gästen gab der Ortsfamilienforscher und ehemalige Neustädter Dr. Hartwig Faber zunächst einen Überblick über die Historie und die geografische Verteilung der zahlreichen Levi-Familienzweige. Gleichzeitig führte er die Anwesenden online in die Ortsfamilien-Datenbank ein, die auf der Website der Stadt Neustadt verlinkt ist. Die Suche nach dem Namen Gies ergab erstaunliche 1768 Treffer.

Emotionaler Höhepunkt des Abends war der anschließende Vortrag von Tova Taylor. Sie schilderte in englischer Sprache ihren persönlichen Zugang zur Geschichte ihrer Familie. Es war einer der eindrücklichsten Momente ihrer Rede, als sie feststellte, dass sie ihre Existenz nur dem Umstand zu verdanken habe, dass ihrem Uropa Moritz Levi und seiner Familie rechtzeitig die Flucht in die USA gelungen sei. Ihr Vortrag kam ins Stocken, als sie auf das Schicksal ihres Urgroßonkels zu sprechen kam. Sally hatte schon die Fahrkarten gekauft, als er mit seiner Familie deportiert wurde. Ein ganzer Zweig der Familie war, so Tova Levi, damit einfach abgeschnitten worden. Sie schloss ihre Rede mit dem Bild ihres 7 Monate alten Sohnes, der der Familientradition gemäß den Namen Moritz trägt. Sein hebräischer Name lautet „Menachem“ – das bedeutet Trost.

Für die zur Stimmung des Abends passende musikalische Begleitung sorgte die Künstlerin Samya Bascha-Döringer, die mit ihrer indianischen Flöte und den Klängen einer Kristallschale für Ruhepunkte sorgte.

Das Schlusswort hielt der Erste Stadtrat Wolfram Ellenberg, der allen an der Durchführung der beiden Veranstaltungen Beteiligten herzlich dankte. Er erinnerte daran, dass die Levis wie auch die anderen jüdischen Familien einmal Teil von Neustadt waren und bezeichnete die Stolpersteine als „Auftrag für die Zukunft“.

Die Rede von Tova Levi wurde live gestreamt und von vielen Menschen in den USA, Israel und England mitverfolgt. Sie ist bei YouTube unter dem Stichwort Livestream Neustadt (Hessen) zu finden.

Andrea Freisberg

Für den Arbeitskreis „Neustadt erinnert“